Spinnen im Haus fallen im Herbst plötzlich viel stärker auf. Abends huscht eine große über den Flur, morgens sitzt eine in der Badewanne und im Keller hängt ein Exemplar, das gefühlt innerhalb eines Tages auf Handtellergröße gewachsen ist. Ganz so plötzlich sind die Tiere allerdings nicht entstanden.
Viele Spinnen waren vorher schon da oder in unmittelbarer Umgebung unterwegs. Im Spätsommer und Herbst sind einige Arten ausgewachsen und entsprechend leichter zu sehen. Bei der Großen Winkelspinne kommt noch etwas Entscheidendes dazu: Die Männchen verlassen jetzt ihre Verstecke und laufen auf der Suche nach Weibchen herum.[1]
Im Herbst sind nicht zwangsläufig mehr Spinnen da
Dass September und Oktober als „Spinnenzeit“ wahrgenommen werden, liegt zu einem guten Teil an der Größe der Tiere. Viele Jungspinnen sind im Frühjahr und Sommer so klein, dass wir sie kaum beachten. Monate später sieht das anders aus.
Der Spinnenforscher Peter Jäger von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung beschreibt genau diesen Effekt: Im Herbst fallen einige besonders große Arten auf, obwohl die Zahl der Spinnen insgesamt nicht zwangsläufig höher ist als zuvor.[2] Auch draußen werden die Tiere nun auffälliger. Viele Netzspinnen sind ausgewachsen, und durch Tau zeichnen sich ihre Netze morgens wesentlich deutlicher ab.[3]
Im Wohnzimmer kommt noch ein anderer Effekt dazu. Eine kleine Spinne irgendwo hinter dem Regal interessiert kaum jemanden. Eine Große Winkelspinne, die abends mit langen Beinen quer über den hellen Boden läuft, übersieht man dagegen eher selten.
Die große Spinne auf dem Boden ist häufig ein Männchen
Die Große Winkelspinne gehört zu den typischen Arten in und an Gebäuden. Normalerweise sitzt sie eher versteckt in Kellern, Schuppen, Mauerspalten oder ruhigen Ecken und baut dort ihr trichterförmiges Netz.
Im Spätsommer ändert sich das Verhalten der geschlechtsreifen Männchen. Sie ziehen auf der Suche nach Weibchen umher und landen dabei auch in Räumen, in denen vorher nie sichtbar eine Spinne saß. Der Biologe Hans Joachim Krammer vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels beschreibt diese Partnersuche als einen wesentlichen Grund dafür, dass Große Winkelspinnen gerade im Herbst so häufig bemerkt werden.[1]
Damit erklärt sich auch das typische Bild in Badewanne oder Waschbecken. Die Spinne wollte dort nicht einziehen. Sie war unterwegs und ist über die glatte Wand hineingeraten, kommt aber aus eigener Kraft kaum wieder heraus.
Groß, braun und schnell unterwegs?
Eine langbeinige braune Spinne, die im Spätsommer oder Herbst vor allem nachts über den Boden läuft, kann eine Winkelspinne sein. Eine sichere Artbestimmung nur anhand von Größe und Farbe ist trotzdem schwierig.
Eine auffallend kräftige Spinne muss inzwischen beispielsweise auch nicht automatisch eine Winkelspinne sein. Die ursprünglich mediterrane Nosferatu-Spinne ist inzwischen ebenfalls in Deutschland verbreitet und wird regelmäßig in Gebäuden gefunden.[4]
Kommen die Spinnen wirklich nur herein, weil es draußen kalt wird?
So einfach ist es nicht. Einige Spinnenarten leben ohnehin dauerhaft in Gebäuden oder in deren unmittelbarer Umgebung. Keller, Schuppen und Mauerspalten sind für sie keine Notunterkunft für den Winter, sondern ganz normale Lebensräume.
Bei anderen Tieren können Temperaturunterschiede durchaus eine Rolle spielen. Peter Jäger beschreibt, dass Spinnen in unmittelbarer Nähe eines Gebäudes einen Temperaturgradienten wahrnehmen und dadurch in wärmere Bereiche gelangen können.[2] Daraus sollte man aber nicht die pauschale Geschichte machen, dass im September sämtliche Gartenspinnen gemeinsam ins Wohnzimmer flüchten.
Die Gartenkreuzspinne ist ein gutes Gegenbeispiel. Sie bleibt normalerweise draußen und verbringt ihr Leben an ihren Netzen in Gärten, Gebüschen und anderen geeigneten Stellen. Die Deutsche Wildtier Stiftung beschreibt sie ausdrücklich als sehr standorttreu; in Häuser verirrt sie sich nur selten.[5]
Bei Winkelspinnen ist die herbstliche Wanderung dagegen wesentlich auffälliger. Und bei der Nosferatu-Spinne fällt die Hauptpaarungszeit ebenfalls in den Herbst.[4]
Sind die großen Spinnen im Haus gefährlich?
Die Größe täuscht bei den klassischen Winkelspinnen ziemlich eindrucksvoll. Mit ihren langen Beinen wirken sie erheblich dramatischer, als sie sich verhalten. Die Deutsche Wildtier Stiftung beschreibt die Große Hauswinkelspinne als scheuen Gebäudebewohner, der unter anderem Kellerasseln, Fliegen, Mücken und andere kleine Tiere erbeutet.[6]
Anders formuliert: Sie hat keinen Grund, nachts quer durchs Schlafzimmer zu laufen, weil sie sich für die schlafende Person interessiert. Das Männchen sucht ein Weibchen, einen Unterschlupf oder schlicht seinen weiteren Weg.
Etwas anders ist die inzwischen häufigere Nosferatu-Spinne (Zoropsis spinimana). Das Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe beschreibt sie als wehrhafter als die meisten einheimischen Spinnen. Bei direkter Bedrohung kann sie beißen; eine ernsthafte Gefahr für Menschen stellt sie nach Angaben des Museums jedoch nicht dar.[4]
Mit bloßen Händen muss man deshalb trotzdem keine unbekannte große Spinne einfangen. Dafür gibt es eine wesentlich einfachere Methode.
Ein Glas und ein Stück feste Pappe reichen
Wenn die Spinne bleiben darf, musst du zunächst gar nichts machen. Hausspinnen leben räuberisch und beseitigen unter anderem Fliegen, Mücken und andere kleine Gliederfüßer. Nicht jeder möchte allerdings eine Winkelspinne neben dem Sofa als Mitbewohnerin behalten.
Dann stellst du ein ausreichend großes Glas oder einen transparenten Behälter vorsichtig über das Tier und schiebst ein festes Stück Papier oder dünne Pappe darunter. Das funktioniert auch bei einer Spinne in der Badewanne wesentlich entspannter als der Versuch, sie mit einem Handtuch irgendwie hinauszubefördern. Die Deutsche Wildtier Stiftung nennt neben dieser Methode auch spezielle Spinnenfänger für Menschen, die etwas mehr Abstand bevorzugen.[6]
Beim Staubsauger würde ich dagegen passen. Die Spinne einfach einzusaugen ist weder besonders schonend noch nötig.
Fliegengitter helfen, machen die Wohnung aber nicht spinnenfrei
Wenn ständig größere Spinnen durch dasselbe Fenster kommen, kann ein intaktes Fliegengitter den Zugang erschweren. Auch größere Spalten an Kellerfenstern oder Türen sind mögliche Wege ins Gebäude. Komplett verhindern lässt sich eine Spinne im Haus dadurch trotzdem nicht.
Einige Arten leben bereits innerhalb von Gebäuden und Jungspinnen können winzig sein. Außerdem profitieren Spinnen indirekt von allem, was ihre Beute anlockt. Außenbeleuchtung zieht nachts Insekten an; wo viele Insekten sitzen, finden sich irgendwann auch deren Jäger. Die Deutsche Wildtier Stiftung nennt deshalb Licht am Hauseingang oder auf der Terrasse als einen Faktor, der dort auch netzbauende Spinnen begünstigen kann.[6]
Von Duftbarrieren aus Pfefferminze, Zitrone oder Essig würde ich mir dagegen nicht allzu viel versprechen. Auch dazu fällt das Urteil der Wildtier Stiftung eher nüchtern aus: Solche Geruchstricks sind keine verlässliche Methode, Spinnen fernzuhalten.[6]
Im September sieht man vor allem das, was vorher verborgen war
Wenn innerhalb einer Woche drei große Spinnen auftauchen, fühlt sich das schnell nach einer Invasion an. Biologisch steckt oft etwas wesentlich Unspektakuläreres dahinter: Die Tiere sind ausgewachsen, einige Männchen wandern während der Paarungszeit herum und große Exemplare fallen uns schlicht stärker auf.
Deshalb würde ich bei einer einzelnen Spinne im Haus weder nach einem Nest suchen noch anfangen, sämtliche Räume mit Duftöl einzusprühen. Wer sie nicht behalten möchte, setzt sie vorsichtig um. Tauchen regelmäßig Tiere über dieselbe Öffnung auf, sind Fliegengitter und größere Spalten die sinnvolleren Ansatzpunkte.
Und bei der nächsten großen Winkelspinne, die im September mit erstaunlichem Tempo durch den Flur rennt, weißt du zumindest, warum sie es plötzlich so eilig hat.
Quellen
- Deutschlandfunk Nova: Spinnen in der Wohnung – Gespräch mit Hans Joachim Krammer vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (05.09.2025, abgerufen am 03.09.2026)
- Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: Gespräch mit Spinnenforscher Peter Jäger über Spinnen im Herbst und ihre Wahrnehmung in Häusern (abgerufen am 03.09.2026)
- NABU: Spinnenzeit – warum ausgewachsene Spinnen und ihre Netze im Spätsommer und Herbst besonders auffallen (06.09.2017, abgerufen am 03.09.2026)
- Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe: Nosferatu- beziehungsweise Kräuseljagdspinne – Verbreitung, Paarungszeit und Verhalten (abgerufen am 03.09.2026)
- Deutsche Wildtier Stiftung: Herbstzeit ist Spinnenzeit – Gartenkreuzspinnen und Überwinterung (21.09.2023, abgerufen am 03.09.2026)
- Deutsche Wildtier Stiftung: Spinnen im Haus – Hauswinkelspinne, Zitterspinne und schonendes Entfernen (12.09.2019, abgerufen am 03.09.2026)