Zwischen erstem Match und „Wir sind zusammen“ liegt ein ziemlich wackliger Weg. Die Kennenlernphase kann sich leicht wie ein Minenfeld aus Erwartungen, Hoffnungen und Unsicherheiten anfühlen. In diesem Ratgeber geht es darum, wie du dich in dieser Zeit nahbar, klar und trotzdem bei dir selbst bleibst.
Wenn aus einem Match plötzlich Alltag wird
Am Anfang ist alles leicht. Nachrichten ploppen auf, du checkst das Handy häufiger, als du zugeben möchtest, jede neue Info über die andere Person fühlt sich ein bisschen nach Mini-Abenteuer an. Irgendwann kippt dieser Anfangsrausch in etwas Alltäglicheres – und genau dort wird es spannend.
Plötzlich geht es nicht mehr nur um Lieblingsserien oder peinliche Kindheitsstories, sondern um ganz banale Dinge: Wer schreibt zuerst? Wie viel Nähe ist gerade okay? Wieso fühlt sich Schweigen auf einmal bedrohlich an? Diese Umstellung ist völlig normal – Studien zur Beziehungsentwicklung beschreiben frühe Phasen explizit als Übergang vom unverbindlichen Abtasten hin zu echter Bindung.[1]
In dieser Zeit zeigen sich oft zum ersten Mal Unterschiede in Tempo, Bedürfnis nach Kontakt und persönlichem Stil. Du merkst, was für dich selbstverständlich ist – und was für die andere Person vielleicht gar nicht so normal wirkt. Genau hier fängt „sich aufeinander einlassen“ an: nicht in großen Liebeserklärungen, sondern in diesen kleinen Alltagsmomenten, die du erstmal sortieren musst.
Mein eigener größter Fehler in einer frühen Kennenlernphase war, all diese Signale zu überinterpretieren. Statt nachzufragen, habe ich mir im Kopf Geschichten zusammengebaut. Je mehr du rätst, desto weniger hörst du wirklich zu – und das ist selten ein guter Start.
Was die Kennenlernphase so anstrengend macht
Rein fachlich lässt sich diese Phase als Mischung aus „Annähern“ und „Abchecken“ beschreiben – Kommunikationsforschung spricht von frühen Beziehungsstufen, in denen Menschen testen, wie gut sie zusammenpassen.[1] Praktisch fühlt sich das aber häufig eher nach innerlichem Auf und Ab an.
Du jonglierst gleichzeitig mehrere Dinge: Neugier und Vorsicht, Nähe und Selbstschutz, Fantasie und Realität. Dazu kommt, dass ihr euch beide beobachtet – bewusst und unbewusst. Kleine Details wie Antwortzeiten, Wortwahl oder Körpersprache werden plötzlich mit Bedeutung aufgeladen.
Psychologische Studien zeigen, dass wir schon in sehr frühen Phasen einer Beziehung beginnen, Erwartungen, Wünsche und auch Ängste mitzutransportieren – oft, ohne es selbst zu merken.[2] Das erklärt, wieso ein „Passt dir Freitag?“ für die eine Seite eine ganz entspannte Frage ist, während es bei der anderen Seite direkt ein Kopfkino auslöst.
Wenn du dich in dieser Phase oft erschöpft fühlst, liegt das nicht an dir als Person. Dein Nervensystem arbeitet im Hintergrund auf Hochtouren: Es sortiert Signale, versucht, Risiko abzuschätzen und gleichzeitig Verbindung zu halten. Sich dessen bewusst zu sein, hilft schon ein Stück, milder mit sich selbst zu werden.
Sich aufeinander einlassen: Nähe zulassen, ohne die eigenen Grenzen zu ignorieren
Aufeinander einlassen heißt nicht, sich selbst aufzugeben. Es heißt auch nicht, möglichst schnell alles zu teilen, was dir je passiert ist. In der Kennenlernphase geht es eher darum, Schicht für Schicht zu prüfen, wie sicher sich dieser Kontakt anfühlt – und ob ihr mit euren Bedürfnissen zueinander passt.
Ein wichtiger Baustein ist Selbstoffenbarung, also das Teilen persönlicher Informationen. Forschung zeigt immer wieder, dass gegenseitiges, dosiertes Öffnen die Nähe in Beziehungen deutlich stärkt.[3] Wichtig ist dabei das Wort „gegenseitig“: Wenn du alles von dir auf den Tisch legst und die andere Person bleibt konsequent im Smalltalk, entsteht ein Ungleichgewicht.
Sich aufeinander einzulassen bedeutet deshalb auch, auf das Feedback zu achten: Kommt auf deine Offenheit etwas zurück? Werden deine Grenzen respektiert? Fühlt sich ein „Nein“ sicher an? Nur weil du emotional zugänglich bist, musst du nicht alles mitmachen</b. Vertrauen wächst, wenn du merkst: Hier darf ich ich sein, mit meinen hellen und dunklen Seiten.
Dein Tempo, ihr Tempo, unser Tempo
Selbst wenn ihr euch mögt, heißt das nicht automatisch, dass ihr im gleichen Tempo unterwegs seid. Die eine Person plant innerlich schon Urlaube, während die andere gedanklich noch damit beschäftigt ist, überhaupt wieder jemanden näher an sich ranzulassen.
Zur Orientierung hilft eine kleine Übersicht, wie sich unterschiedliche Tempi häufig anfühlen können – ohne Anspruch auf Perfektion, eher als Denkanstoß:
| Tempo | Typisches Gefühl | Risiko in der Kennenlernphase |
|---|---|---|
| Vollgas | „Endlich passt alles“, viele Zukunftsbilder im Kopf | Warnsignale werden leicht übersehen, eigene Bedürfnisse gehen unter |
| Mittelspur | Neugierig, aber vorsichtig, Zeit für Beobachtung | Gefahr, dass die andere Seite Ungeduld spürt und verunsichert wird |
| Handbremse | Eigentlich interessiert, aber schnell überfordert | Kontakt reißt eher ab, bevor echte Nähe entstehen konnte |
Keines dieser Tempi ist „falsch“. Entscheidend ist, ob ihr darüber sprechen könnt. Sobald ihr euer jeweiliges Tempo benennen dürft, verliert es einen Teil seines Schreckens – und ihr könnt einen gemeinsamen Rhythmus suchen, statt euch gegenseitig für „zu viel“ oder „zu wenig“ zu halten.
Gespräche, die in der Kennenlernphase wirklich weiterbringen
Viele Unterhaltungen in der Kennenlernphase bleiben an der Oberfläche: Job, Hobbys, Lieblingsessen. Das ist ein guter Start, aber an irgendeinem Punkt brauchst du mehr, wenn du dich wirklich auf jemanden einlassen möchtest. Spannend wird es dort, wo ihr über Werte, Erwartungen und Alltag sprecht.
Psychologische Arbeiten zu Selbstoffenbarung zeigen, dass intensive Gespräche über persönliche Themen die emotionale Nähe deutlich erhöhen können – solange sie beidseitig passieren und zum Kontakt passen.[3] Das heißt: Du musst nicht beim dritten Date deine tiefsten Traumata auspacken. Es reicht, Stück für Stück etwas von deinem inneren Leben zu zeigen.
Fragen, die tiefer gehen als Job und Hobbys
Wenn du über Smalltalk hinausgehen willst, helfen etwas andere Fragen. Wichtig: Nicht als Verhör, sondern eingebettet in ein echtes Gespräch, in dem du auch von dir erzählst. Hier ein paar Beispiele, die die Kennenlernphase vertiefen können:
- Wie sieht ein Tag aus, an dem du abends denkst: „Das war richtig gut“?
- Gibt es etwas aus früheren Beziehungen, wo du heute sagen würdest: „Das mache ich diesmal anders“?
- Was brauchst du, damit du dich bei jemandem wirklich sicher und gesehen fühlst?
- Woran würdest du merken, dass dir ein Kontakt nicht mehr guttut – und wie würdest du es ansprechen?
Solche Fragen zeigen, wie jemand mit Verantwortung, Konflikten und Nähe umgeht. Du erfährst nicht nur Fakten, sondern auch, wie die andere Person denkt und fühlt. Und du spürst ziemlich schnell, ob ihr euch gegenseitig zuhört oder nur auf die nächste Gelegenheit wartet, von euch selbst zu erzählen.
Alte Muster: Wie dein Bindungsstil die Kennenlernphase färbt
Wir lernen früh, wie Nähe sich anfühlt – und was passiert, wenn wir Bedürftigkeit zeigen. Diese Erfahrungen fließen später in romantische Beziehungen ein. Die Bindungstheorie beschreibt unterschiedliche Muster, mit denen Menschen auf Nähe reagieren, etwa eher sicher, ängstlich oder vermeidend.[2]
Studien zeigen, dass unsere Bindungsprägung gerade in stressigen Situationen besonders sichtbar wird – und die Kennenlernphase ist für viele innerlich genau das: anstrengend, ungewohnt, voller Unsicherheiten.[2] Wer eher ängstlich gebunden ist, reagiert häufig sensibel auf kleine Pausen im Chat. Wer eher vermeidend unterwegs ist, fühlt sich schnell eingeengt, sobald der Kontakt intensiver wird.
Niemand ist „schuld“, wenn diese Muster auftauchen. Entscheidend ist, wie du damit umgehst. Selbstwahrnehmung ist hier Gold wert: Erkennst du, dass du zum Beispiel zu Rückzug neigst, sobald jemand emotional wird, kannst du das benennen, statt einfach unterzutauchen. Das schafft Fairness – für dich und für die andere Person.
Wenn du merkst, dass du immer wieder in ähnliche Geschichten rutschst, kann es hilfreich sein, dir Unterstützung zu holen. Es gibt viel Forschung dazu, wie sich unsichere Bindungsmuster in Richtung mehr Sicherheit entwickeln lassen – häufig über Reflexion, Therapie oder Coaching.[2] Sich auf jemanden einzulassen heißt dann auch, sich selbst mit den eigenen Baustellen ernst zu nehmen.
Digitale Kennenlernphase zwischen Chat, Ghosting und Funkstille
In der digitalen Arbeitswelt beginnt die Kennenlernphase oft vor dem ersten Treffen: auf Plattformen, in Chats, in langen Sprachnachrichten nach Feierabend. Diese „Talking Stage“ kann ein guter Raum sein, um zu schauen, ob eure Grundhaltung zusammenpasst – Studien sehen darin durchaus eine Chance, soziale Fähigkeiten zu üben und Kompatibilität zu prüfen.[4]
Gleichzeitig verstärken sich online manche Unsicherheiten. Lesebestätigung, Antwortzeiten und der Tonfall von Nachrichten werden schnell zu Interpretationsrätseln. Dazu kommt, dass Rückzug einfacher ist: Ein Klick, und der Kontakt ist weg. Das macht verletzlich, gerade wenn du dich schon ein Stück geöffnet hast.
Ein guter Kompass in dieser Mischung aus Chat, Emojis und Sprachnachrichten: Verhalten zählt mehr als Worte. Wer verbindlich wirkt, aber ständig absagt, zeigt dir etwas. Wer sich meldet, wie es zum Alltag passt, und offen ist, wenn etwas nicht klappt, zeigt dir auch etwas – nur eben anderes. Sich aufeinander einlassen heißt online wie offline, solche Muster zu sehen und ernst zu nehmen.
Falls du schon früh ein schlechtes Bauchgefühl hast, lohnt es sich, das nicht wegzuwischen. Immer wieder berichten Menschen, dass sie im Rückblick die kleinen irritierenden Momente sehr genau erinnern – sie nur damals nicht ernst genommen haben. Dein Gefühl ist kein Beweis, aber ein Signal, genauer hinzuschauen.
Wenn du merkst, dass es nicht passt – und wie du sauber rausgehst
Ein Teil der Kennenlernphase besteht darin, festzustellen, dass ihr nicht zusammenpasst. So unschön das ist: Ein respektvolles Ende ist auch eine Form von sich aufeinander einlassen. Du nimmst die andere Person als echtes Gegenüber wahr – nicht als Figur in deinem Dating-Spiel.
Viele ziehen sich kommentarlos zurück, weil sie Konfrontation meiden wollen. Kurzfristig wirkt das einfacher, langfristig bleibt bei beiden Seiten ein komisches Gefühl. Und ja, es kostet Überwindung, zu schreiben, dass du den Kontakt nicht weiter vertiefen möchtest. Trotzdem ist es meist der faire Weg.
Eine mögliche Orientierung:
Je persönlicher der Kontakt, desto persönlicher der Abschied. Nach drei Nachrichten in einer App schuldet ihr euch keinen Roman. Nach mehreren Dates und intensiven Gesprächen ist eine klare, respektvolle Nachricht oder ein kurzes Treffen angemessen. Du musst dich nicht rechtfertigen, aber du darfst benennen, dass du emotional nicht an dem Punkt bist, an dem die andere Person steht.
Was dabei hilft: bei dir bleiben. Statt „Du bist zu anhänglich“ eher: „Ich merke, dass ich mich gerade nicht so einlassen kann, wie du es dir wünschst.“ Damit übernimmst du Verantwortung für deinen Teil, ohne die andere Person abzuwerten.
Kennenlernphase bewusst gestalten: kleine Schritte mit großer Wirkung
Du kannst diese Zeit nicht komplett kontrollieren, aber du kannst sie aktiver und bewusster gestalten. Es geht weniger darum, alles richtig zu machen, sondern darum, dich selbst nicht zu verlieren, während du jemand Neues in dein Leben lässt.
Ein paar konkrete Ideen, wie du dir die Kennenlernphase leichter machst:
- Überlege dir vor einem Date, was du von dir teilen möchtest – und was noch zu früh wäre.
- Frag dich nach jedem Treffen: Fühle ich mich eher ruhiger oder unruhiger als vorher? Diese Frage sortiert erstaunlich viel.
- Sprich kleine Irritationen früh an, zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass du manchmal tagelang abtauchst. Ich brauche da ein bisschen mehr Klarheit. Wie siehst du das?“
- Hol dir Rückhalt im Freundeskreis, aber achte darauf, dass du nicht jede Unsicherheit in der großen Runde sezierst. Ein, zwei vertraute Personen reichen oft.
Wenn du merkst, dass du dich selbst zwischendurch kaum noch wahrnimmst, hilft eine kleine Rückbesinnung in den eigenen Alltag. Triff Freundinnen und Freunde, geh deinen Hobbys nach, achte auf Schlaf und Essen. Je stabiler dein eigenes Leben bleibt, desto freier kannst du entscheiden, wen du wirklich hineinlassen möchtest.
Quellen
- Stages of Relationships (Wrench et al., Interpersonal Communication – A Mindful Approach, abgerufen am 27.11.2025)
- Adult Attachment, Stress, and Romantic Relationships (Simpson & Overall, Current Opinion in Psychology 2017, abgerufen am 27.11.2025)
- Minding the close relationship (Harvey & Orbuch, Psychological Inquiry 1997, abgerufen am 27.11.2025)
- Stuck in a “talking stage” or “situationship”? (The Conversation / University of Southern Queensland 2023, abgerufen am 27.11.2025)