Dein Gegenüber erzählt gerade etwas, doch dein Blick wandert zum Handy auf dem Tisch. Nur mal kurz checken. Dieses unbewusste Ignorieren durch das Smartphone, auch Phubbing genannt, schleicht sich in unseren Alltag und nagt an unseren Beziehungen.
Der Moment, in dem das Gespräch leise stirbt
Wir saßen in unserem Lieblingscafé, es duftete nach Kaffee und frischem Gebäck. Mein Partner erzählte von einer kniffligen Situation auf der Arbeit, seine Gesten waren lebhaft, seine Stimme engagiert. Mitten im Satz vibrierte mein Handy auf dem Tisch. Es war nichts Wichtiges, nur eine Push-Nachricht einer Shopping-App. Trotzdem griff ich danach, entsperrte es und scrollte kurz. Als ich wieder aufblickte, war die Energie aus dem Gespräch verschwunden. Er sah mich an, aber der Faden war gerissen. Er beendete den Satz lustlos, und wir saßen schweigend da. Dieser winzige Moment, dieser Griff zum Display, hatte eine unsichtbare Mauer zwischen uns errichtet. Das war ein klassischer Fall von Phubbing – und ich war die Täterin.
Es sind genau diese kleinen, fast unmerklichen Unterbrechungen, die auf Dauer eine enorme Wirkung entfalten. Du denkst vielleicht, es sei harmlos, mal eben die Nachrichten zu überfliegen oder auf eine Nachricht zu antworten. Doch für die Person, die dir gegenübersitzt, ist die Botschaft eine andere: „Was auch immer auf diesem Bildschirm passiert, ist gerade fesselnder als du.“ Es ist eine subtile, aber schmerzhafte Form der Zurückweisung, die wir uns gegenseitig viel zu oft zumuten.
Was ist Phubbing eigentlich – und warum tut es so weh?
Der Begriff Phubbing setzt sich aus den englischen Wörtern „phone“ (Telefon) und „snubbing“ (brüskieren, vor den Kopf stoßen) zusammen. Er beschreibt genau das: die Handlung, sein soziales Umfeld zu ignorieren, um sich stattdessen dem Smartphone zu widmen. Das ist aber weit mehr als nur eine moderne Unhöflichkeit. Es kratzt an unseren psychologischen Grundbedürfnissen.
Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen dieses Gefühl. Eine oft zitierte Studie der University of Kent hat gezeigt, dass Phubbing bei der betroffenen Person Gefühle von sozialer Ausgrenzung auslöst.[1] Wenn wir „gephubbt“ werden, fühlen wir uns nicht nur ignoriert, sondern regelrecht unsichtbar und weniger wertgeschätzt. Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung wird direkt angegriffen. Das erklärt, warum es sich so mies anfühlt, selbst wenn es nur um eine flüchtige Sekunde geht. Es ist ein Signal, dass die Verbindung gerade gekappt wurde.
Auch die Techniker Krankenkasse warnt davor, die Auswirkungen von Phubbing zu unterschätzen.[2] Laut Experten kann dieses Verhalten zu Unzufriedenheit in der Partnerschaft führen, Konflikte schüren und die Intimität reduzieren. Denn wer ständig das Gefühl hat, mit einem Bildschirm um Aufmerksamkeit konkurrieren zu müssen, verliert auf Dauer das Vertrauen in die emotionale Verfügbarkeit des anderen.
Die leisen Anzeichen: Erkennst du Phubbing bei dir und anderen?
Phubbing passiert oft unbewusst. Es ist keine böse Absicht, sondern eine tief verankerte Gewohnheit. Vielleicht erkennst du einige dieser Situationen aus deinem eigenen Alltag wieder.
Typische Phubbing-Momente sind oft subtil und schleichen sich ein. Es ist nicht immer der offensichtliche Griff zum Handy mitten in einem tiefen Gespräch. Oft sind es die kleinen Dinge, die signalisieren, dass die Aufmerksamkeit geteilt ist. Ein kurzer Blick auf eine aufleuchtende Benachrichtigung, während der andere spricht. Das Handy, das immer griffbereit neben dem Teller liegt, als wäre es ein drittes Besteckteil. Oder das beiläufige Scrollen durch einen Feed, während im Hintergrund der Fernseher läuft und der Partner versucht, über seinen Tag zu reden. Diese geteilte Aufmerksamkeit ist der Kern des Problems, denn sie verhindert, dass wir uns wirklich auf den Moment und die Person vor uns einlassen.
Hier sind ein paar Verhaltensweisen, die auf ein Phubbing-Problem hindeuten könnten:
- Du legst dein Handy beim Essen immer mit dem Display nach oben auf den Tisch.
- Du beantwortest Nachrichten sofort, auch wenn du gerade in ein Gespräch vertieft bist.
- Während eines Films oder einer Serie schaust du parallel immer wieder aufs Smartphone.
- Du greifst zum Handy, sobald im Gespräch eine kurze Pause entsteht.
- Du nutzt dein Smartphone als „sozialen Schutzschild“ in Gruppen, um dich nicht unterhalten zu müssen.
- Du unterbrichst dein Gegenüber, um ihm schnell etwas „Witziges“ auf deinem Handy zu zeigen, das nichts mit dem Thema zu tun hat.
Warum das Phubbing-Problem oft beide trifft
Lange Zeit dachte ich, das Problem läge nur bei der Person, die zum Handy greift. Mein erster Impuls, wenn mein Partner aufs Display schaute, war, beleidigt zu sein und mich zurückzuziehen. Ein riesiger Fehler. Denn oft steckt hinter dem Griff zum Smartphone nicht Desinteresse, sondern etwas ganz anderes: Stress, die Angst, etwas zu verpassen (FOMO), oder schlicht eine über Jahre antrainierte Gewohnheit, die schwer abzulegen ist.
Das Tückische am Phubbing ist, dass es eine Abwärtsspirale auslösen kann. Fühlt sich eine Person ignoriert, greift sie aus Frust, Langeweile oder als eine Art stiller Protest ebenfalls zum Handy. Plötzlich sitzen zwei Menschen nebeneinander, jeder in seiner eigenen digitalen Blase, und die Kluft zwischen ihnen wird immer größer. Anstatt das Problem anzusprechen, entsteht ein Teufelskreis aus gegenseitigem Phubbing. Deshalb ist es so wichtig, Verständnis für beide Seiten zu entwickeln und nicht sofort in die Defensive zu gehen. Oft ist der Griff zum Handy nur ein Symptom für etwas, das tiefer liegt.
So sprichst du Phubbing an, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen
Den anderen auf sein Verhalten hinzuweisen, ist heikel. Niemand hört gerne, dass er ein schlechter Zuhörer ist. Mit Vorwürfen wie „Du hängst ja nur noch am Handy!“ erreichst du nur, dass dein Gegenüber dichtmacht. Der Schlüssel liegt darin, deine eigenen Gefühle zu beschreiben, anstatt das Verhalten des anderen zu bewerten.
Ein ruhiger Moment ist dafür entscheidend. Das Thema anzusprechen, während du dich gerade geärgert hast, führt fast immer zu einem Konflikt. Warte lieber eine entspannte Situation ab, vielleicht bei einem Spaziergang oder beim gemeinsamen Kochen.
Hier ist eine kleine Anleitung, wie du das Gespräch beginnen kannst:
- Wähle einen ruhigen und passenden Zeitpunkt. Nicht in der Hitze des Gefechts, sondern wenn ihr beide entspannt und aufmerksam seid.
- Beginne mit einer „Ich-Botschaft“, um deine Gefühle zu beschreiben. Sag zum Beispiel: „Ich fühle mich manchmal etwas allein, wenn wir zusammensitzen und du am Handy bist.“ Das ist weniger konfrontativ als ein direkter Vorwurf.
- Beschreibe die konkrete Situation, ohne zu verallgemeinern. Statt „Du machst das immer“ versuche es mit: „Als du vorhin beim Abendessen die E-Mails gecheckt hast, hatte ich das Gefühl, dass du gar nicht richtig zuhörst.“ Sei spezifisch.
- Formuliere einen Wunsch für die Zukunft. Zum Beispiel: „Ich würde mir wünschen, dass wir beim Essen die Handys weglegen, damit wir uns ungestört unterhalten können.“ Das ist lösungsorientiert und positiv.
- Höre dir auch die Perspektive der anderen Person an. Vielleicht gibt es einen Grund für das Verhalten, den du nicht kennst. Offenheit hilft, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Dieses Vorgehen nimmt dem Thema die Schärfe und eröffnet die Möglichkeit für ein ehrliches Gespräch auf Augenhöhe, anstatt einen Grabenkampf um Aufmerksamkeit zu beginnen.
Kleine Regeln, große Wirkung: Gemeinsam gegen das Phubbing
Wenn ihr beide erkannt habt, dass ihr etwas ändern wollt, helfen klare Absprachen. Es geht nicht darum, das Smartphone zu verbannen, sondern ihm einen festen Platz zuzuweisen, damit es die gemeinsame Zeit nicht stört. Solche Regeln sind keine Gängelung, sondern ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung. Sie schaffen bewusste Freiräume für echte Verbindung.
Hier sind einige Ideen, die ihr als Paar, Familie oder auch unter Freunden ausprobieren könnt:
| Situation | Regel | Warum es hilft |
|---|---|---|
| Gemeinsame Mahlzeiten | Handyfreie Zone am Esstisch. Alle Geräte bleiben in einem anderen Raum oder in der Tasche. | Das Essen wird wieder zu einem sozialen Ereignis, bei dem man sich austauscht und den Tag Revue passieren lässt. |
| Schlafzimmer | Das Schlafzimmer ist eine Tabuzone für Smartphones. Wecker? Besorgt euch einen analogen. | Fördert die Intimität und verbessert den Schlaf, da das blaue Licht des Displays nicht mehr stört. |
| Qualitätszeit (z. B. Filmabend) | Die „Handy-Stapel“-Regel: Alle legen ihre Handys auf einen Stapel. Wer als Erster nach seinem greift, übernimmt den nächsten Abwasch. | Ein spielerischer Anreiz, um präsent zu bleiben und den Moment wirklich gemeinsam zu genießen. |
| Unterwegs | Wenn jemand etwas Wichtiges erledigen muss (z. B. eine dringende Mail), kündigt er es kurz an: „Ich muss nur schnell antworten, dauert eine Minute.“ | Das signalisiert Respekt und zeigt, dass die Unterbrechung eine Ausnahme und nicht die Regel ist. |
Mehr als nur schlechte Manieren: Die langfristigen Folgen von Phubbing
Phubbing ist wie ein Tropfen, der stetig auf einen Stein fällt. Eine einzelne Unterbrechung mag harmlos erscheinen, aber die Summe dieser Momente kann das Fundament einer Beziehung ernsthaft beschädigen. Wenn einer sich ständig zurückgesetzt fühlt, erodiert langsam das Vertrauen. Die Zufriedenheit mit der Partnerschaft sinkt, weil das Gefühl der Verbundenheit und des Verständnisses verloren geht. Es ist ein stiller Beziehungskiller, der oft erst bemerkt wird, wenn eine große Distanz entstanden ist.
Die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf Liebesbeziehungen. Auch Freundschaften leiden darunter, wenn Gespräche permanent durch digitale Ablenkungen zerstückelt werden. Selbst die Beziehung zu Kindern wird beeinträchtigt, wenn Eltern ständig mit einem Auge auf dem Bildschirm hängen. Kinder spüren diese geteilte Aufmerksamkeit sehr genau und fühlen sich im schlimmsten Fall unwichtig. Die Qualität unserer Beziehungen hängt direkt davon ab, wie viel ungeteilte Aufmerksamkeit wir einander schenken.
Dein Weg zurück ins Gespräch: Ein Plädoyer für den Moment
Der bewusste Verzicht auf das Smartphone in sozialen Situationen ist kein Verlust, sondern ein riesiger Gewinn. Es ist die Entscheidung für das Echte, das Unmittelbare, das Menschliche. Es ist die Entscheidung, die kleinen Nuancen im Gesicht deines Gegenübers wahrzunehmen, den Unterton in der Stimme zu hören und wirklich zu verstehen, was den anderen bewegt. Es geht darum, wieder zu lernen, kurze Pausen im Gespräch auszuhalten, ohne sie sofort mit digitalem Lärm füllen zu müssen.
Fang klein an. Nimm dir vor, bei der nächsten Verabredung das Handy ganz bewusst in der Tasche zu lassen. Beobachte, wie sich das Gespräch verändert. Es wird sich anfangs vielleicht ungewohnt anfühlen, aber du wirst schnell merken, wie viel reicher und tiefer die Verbindung wird, wenn keine digitalen Störfeuer dazwischenfunken. Jeder Moment ungeteilter Aufmerksamkeit ist ein kleines Geschenk, das du deinen Liebsten – und dir selbst – machen kannst.
Quellen
- How “phubbing” becomes the norm: The antecedents and consequences of snubbing via smartphone (abgerufen am 19.11.2025)
- Wie viel Smartphone tut einer Beziehung gut? (abgerufen am 19.11.2025)
FAQs zum Thema Phubbing
Was kann ich tun, wenn ich selbst merke, dass ich ständig zum Handy greife?
Der erste und wichtigste Schritt ist, dein eigenes Verhalten bewusst wahrzunehmen, ohne dich dafür zu verurteilen. Versuche danach, gezielt handyfreie Zeiten oder Zonen zu schaffen, zum Beispiel die erste Stunde nach dem Aufwachen oder während des Kochens. Ein sehr wirksamer Tipp ist auch, unwichtige Push-Benachrichtigungen auf deinem Smartphone zu deaktivieren. So reduzierst du die ständigen Reize, die dich zum Handy greifen lassen, und übernimmst selbst wieder die Kontrolle.
Gibt es Phubbing auch im Job und was sind die Folgen?
Ja, Phubbing ist auch im Berufsleben ein verbreitetes Problem und wird oft als unprofessionell wahrgenommen. Es passiert zum Beispiel, wenn du in einem Meeting ständig auf dein Handy schaust oder während der gemeinsamen Mittagspause durch deine Social-Media-Feeds scrollst. Die Folgen sind nicht zu unterschätzen: Es kann den Eindruck erwecken, dass du desinteressiert bist, du riskierst, wichtige Informationen zu verpassen, und es kann den Teamzusammenhalt schwächen, weil echte Gespräche unter Kollegen verhindert werden.
Was hat die „Angst, etwas zu verpassen“ (FOMO) mit Phubbing zu tun?
FOMO, die „Fear Of Missing Out“, ist oft ein zentraler Treiber für Phubbing. Es ist die Sorge, wichtige Nachrichten, soziale Ereignisse oder Trends zu verpassen, wenn du nicht ständig online bist. Diese Angst führt dazu, dass du reflexartig zum Handy greifst, um auf dem Laufenden zu bleiben – selbst wenn du gerade in einem Gespräch bist. Ein hilfreiches Gegenmittel ist, bewusst JOMO, die „Joy Of Missing Out“, zu kultivieren: die Freude daran, abzuschalten und den Moment mit den Menschen vor dir zu genießen, ohne Angst, online etwas zu verpassen.