Wir alle kennen diese Momente, in denen wir uns selbst feiern. Ein gelungenes Projekt, ein tolles Outfit – wir sind stolz. Aber wo verläuft die Grenze zur Selbstverliebtheit? Die Frage „Ist ein bisschen Narzissmus ok?“ beschäftigt viele, denn sie berührt unser tiefstes Selbstbild und unsere Beziehungen.
Kaffeeklatsch: Wenn die Stimmung kippt
Neulich beim Kaffeeklatsch mit Freundinnen: Eine erzählte stolz von ihrer Beförderung, von den durchgearbeiteten Nächten und dem Biss, den sie gezeigt hatte. Ein Moment purer Freude, und wir freuten uns ehrlich mit ihr.
Dann meldete sich eine andere zu Wort, und das Gespräch kippte. Plötzlich ging es nur noch um ihre (vermeintlich viel größeren) Erfolge, ihre klügeren Entscheidungen. Die Erzählung der frisch Beförderten wurde klein geredet.
Da fragt man sich schon: Wo hört anerkennenswerter Stolz auf und wo fängt etwas an, das sich toxisch anfühlt?
Gesunder Stolz vs. Narzissmus: Die Dosis macht das Gift
Bevor wir tiefer graben: „Narzissmus“ ist nicht gleich „Narzissmus“. Im Alltag nutzen wir das Wort oft als Schimpfwort. Psychologisch gesehen ist es ein Spektrum.[1]
- Am einen Ende: Gesundes Selbstbewusstsein (hilft uns, Ziele zu erreichen).
- Am anderen Ende: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (eine ernste Erkrankung mit fehlender Empathie).[2]
Es ist wie mit Salz in der Suppe: Eine Prise hebt den Geschmack, zu viel versalzt alles. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist Gold wert. Problematisch wird es erst, wenn diese Selbstliebe nur existieren kann, indem man andere abwertet.
Kurz-Check: Selbstliebe oder Narzissmus?
Frage dich ehrlich:
- Brauche ich Lob wie die Luft zum Atmen?
- Fühle ich mich gekränkt, wenn jemand anderes gelobt wird?
- Kann ich mich wirklich für andere freuen, ohne „Aber ich…“ zu sagen?
Ist Narzissmus im Job nützlich?
Gerade im Berufsleben heißt es oft: „Du brauchst Ellbogen!“ Und ja: Ein gesundes Maß an Selbstmarketing ist oft Voraussetzung für Erfolg. Wer seine Leistung nicht zeigt, wird übersehen. Hier könnte man sagen: Ein bisschen Narzissmus ist ok – als Motor.
Aber Vorsicht: Ein Motor braucht Zündkerzen, die zusammenarbeiten. Wenn eine Zündkerze versucht, alle anderen zu überstrahlen, geht der Motor kaputt. Wer Kollegen klein macht oder Ideen klaut, überschreitet die Grenze zum toxischen Verhalten.
Der direkte Vergleich: Wo stehst du?
Oft sind die Übergänge fließend. Diese Tabelle hilft dir, gesunde von problematischen Zügen zu unterscheiden:
| Gesunder Selbstwert | Problematische Züge |
|---|---|
| Freut sich über Erfolge & lernt aus Fehlern. | Braucht Bewunderung & reagiert auf Kritik mit Wut. |
| Kann Empathie zeigen („Wie geht es dir?“). | Gefühle anderer sind egal oder werden nicht erkannt. |
| Ist selbstbewusst, aber respektvoll. | Wertet andere ab, um sich selbst größer zu fühlen. |
| Sucht Beziehungen auf Augenhöhe. | Nutzt Beziehungen oft zum eigenen Vorteil („Was bringt mir der?“). |
| Kann „Entschuldigung“ sagen. | Schiebt Schuld immer auf andere (Opferrolle). |
Selbstreflexion: Habe ich narzisstische Tendenzen?
Hand aufs Herz: Niemand gibt das gerne zu. Aber ehrlich zu sich selbst zu sein, ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.
Achte mal auf folgende Warnsignale bei dir:
- Unterbrichst du andere oft, um von dir zu erzählen?
- Spürst du Neid, wenn andere im Mittelpunkt stehen?
- Empfindest du selbst leise Kritik als Angriff auf deine Person?
- Erwartest du oft eine Sonderbehandlung („Für mich gelten die Regeln nicht“)?
Wenn du dich hier wiederfindest: Keine Panik. Es bedeutet oft nur, dass dein Selbstwertgefühl fragil ist und du diesen Schutzpanzer aufgebaut hast.[1] Daran kann man arbeiten.
Narzissmus in der Liebe
Hier wird die Frage „Ist ein bisschen Narzissmus ok?“ meist klar mit Nein beantwortet. Wenn einer in der Beziehung ständig die Bühne braucht und der andere nur Publikum ist, macht das auf Dauer krank.
Oft ist es ein schleichender Prozess. Am Anfang wirkt der Partner charmant und selbstbewusst, später wird daraus Dominanz. Eine gesunde Beziehung braucht Augenhöhe, keine Podeste.
Manchmal hilft es, sich mit Büchern oder Ratgebern selbst zu hinterfragen, um Muster zu erkennen.
Fazit: Die Absicht zählt
Ein bisschen Stolz, der Wunsch gesehen zu werden und Ehrgeiz sind menschlich. Solange diese Eigenschaften dich nicht daran hindern, mitfühlend zu sein, sind sie völlig in Ordnung.
Problematisch wird es erst, wenn dein Selbstwertgefühl zur Last für andere wird. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion („War ich da gerade egoistisch?“) ist der beste Schutz davor, in toxische Muster abzurutschen. Bleib stolz auf dich – aber bleib auch Mensch.
Quellen
- Caligor, E. et al.: Narcissistic personality disorder (BMC Psychiatry) (abgerufen am 08.12.2025)
- Ronningstam, E.: Narcissistic Personality Disorder (StatPearls) (abgerufen am 08.12.2025)
- Therapie.de: Selbstwertgefühl (abgerufen am 08.12.2025)
- Grijalva, E. et al.: Gender differences in narcissism (Psychological Bulletin) (abgerufen am 08.12.2025)
- Gnambs, T.: Narcissism and social networking (Journal of Personality) (abgerufen am 08.12.2025)
FAQs zum Thema Narzissmus im Alltag
Kommt Narzissmus durch die Erziehung?
Ja, das kann einen Einfluss haben. Interessanterweise sind es oft zwei Extreme: Kinder, die zu sehr gelobt werden (ohne Leistung), oder Kinder, die emotional vernachlässigt werden und um jeden Blick kämpfen müssen. Beides kann narzisstische Muster begünstigen.
Macht Social Media uns zu Narzissten?
Es macht uns nicht zwingend dazu, aber es ist der perfekte Nährboden. Likes und Kommentare sind „schnelle Bestätigung“. Studien zeigen, dass intensive Nutzung, die rein auf Selbstdarstellung zielt, narzisstische Tendenzen verstärken kann.[5]
Sind Männer narzisstischer als Frauen?
Statistisch gesehen zeigen Männer häufiger den „lauten“, dominanten Narzissmus. Bei Frauen äußert er sich oft subtiler, zum Beispiel durch eine Opferrolle oder das Bedürfnis, als „die aufopfernde Helferin“ bewundert zu werden (verdeckter Narzissmus).[4]

