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Work-Life-Balance

996-Woche: Was es mit dem Arbeitszeitmodell auf sich hat

von Joachim Rügg
6 min Lesedauer
Schwarz weiße Illustration einer Uhr mit langen Schatten als Symbol für die 996-Woche und überlange Arbeitszeiten

Zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche – die 996-Woche ist längst nicht mehr nur ein extremes Arbeitsmodell aus China. In Teilen der Tech-Welt wird sie gerade wieder gefeiert. Die Rechnung dafür zahlen am Ende Körper, Kopf und oft auch das Privatleben.

Was hinter der 996-Woche steckt

Die berühmte Formel ist schnell erklärt: 9 Uhr bis 21 Uhr, sechs Tage pro Woche. Das sind 72 Arbeitsstunden – fast das Doppelte dessen, was in vielen Ländern als Vollzeit gilt.[1] In China wurde dieser Rhythmus vor allem in großen Internet- und Tech-Unternehmen bekannt, teilweise offen von prominenten Gründern verteidigt.

Das Spannende: Offiziell ist die 996-Woche in China gar nicht erlaubt. Die Arbeitsgesetze sehen deutlich kürzere Zeiten vor, und der Oberste Volksgerichtshof hat 2021 klargestellt, dass 996 gegen geltendes Recht verstößt.[1] Trotzdem hält sich die Praxis in manchen Firmen hartnäckig – oft als nicht offiziell angeordnete, aber faktisch erwartete „Bereitschaft“.

Gegenwind kam unter anderem aus der Tech-Szene selbst: 2019 entstand auf GitHub das „Anti-996“-Projekt, in dem Entwicklerinnen und Entwickler Unternehmen listen, die solche Modelle fahren, und rechtliche Argumente sammeln.[1] Das zeigt ziemlich deutlich, dass die Bewunderung für Dauerüberstunden auch in China bröckelt.

Auf einen Blick: Inhalt & TL;DR

Das Wichtigste in Kürze

  • 996-Woche steht für 72 Arbeitsstunden pro Woche, trotz rechtlicher Grenzen in China verbreitet.
  • Kritik und Gegenbewegungen kommen aus der Tech-Szene und machen auf Gesundheitsrisiken aufmerksam.
  • Teile der US-Tech-Branche übernehmen das 996-Modell als Zeichen von Ambition und Wettkampfkultur.
  • Deutschland hält offizielle Arbeitszeitgrenzen meist ein, doch in der Praxis sind Überstunden verbreitet.
  • Lange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und beeinträchtigen die Lebensqualität.
  • Bewusste Grenzen ziehen und Diskussion über Prioritäten sind essentielle Schritte gegen Dauerüberarbeitung.

Von Shanghai nach Silicon Valley: Wie die 996-Woche weiterzieht

Während chinesische Gerichte und Behörden das Modell offiziell zurückpfeifen, greifen Teile der US-Tech-Szene die 996-Idee gerade neu auf. Berichte aus dem Herbst 2025 zeichnen ein Bild von Start-ups, vor allem rund um KI, die sehr lange Arbeitszeiten wieder als Ausweis von Ambition inszenieren.[6][7]

Stellenanzeigen mit „mindestens 70 Stunden pro Woche“ oder unausgesprochene Erwartung, abends noch „kurz“ in Slack zu reagieren, gehören dort für manche Teams zum Alltag. Als Gegenleistung werden dann Benefits versprochen: kostenlose Wohnungen, Essensgutscheine, Fitnessflatrate. Die Botschaft ist klar: Wir nehmen dir alles andere ab, damit du dich komplett auf den Job konzentrieren kannst.[6][7]

Interessant ist der kulturelle Bruch: Während chinesische Medien und Gerichte die 996-Woche zunehmend als Problem markieren, verkaufen einzelne US-Gründer ähnliche Modelle wieder als mutige Leistungskultur. Parallel dazu wächst aber auch in den USA die Kritik – gerade von erfahrenen Leuten, die schon mehrere Burnouts im Umfeld gesehen haben.

Und Deutschland? Zwischen Arbeitsschutz und „mach ich halt noch schnell fertig“

Auf den ersten Blick steht Deutschland weit weg von der 996-Woche. Das Arbeitszeitgesetz gibt eine Grenze von acht Stunden pro Tag vor, mit Ausnahmen bis zehn Stunden – bei einem Durchschnitt von maximal 48 Wochenstunden über einen längeren Zeitraum.[4] Rein rechtlich ist eine echte 996-Woche hier kaum sauber abbildbar.

Die Statistik erzählt ebenfalls eine andere Geschichte: Laut Bundesinstitut für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) lagen die tatsächlichen Wochenarbeitszeiten 2023 im Schnitt bei rund 38,5 Stunden, mit etwa 3,1 Überstunden pro Woche.[3] Eurostat sieht Deutschland im EU-Vergleich eher im unteren Bereich der geleisteten Stunden.[2]

Trotzdem ist das Thema nicht so weit weg, wie die Zahlen vermuten lassen. In bestimmten Branchen – Beratung, Agenturen, Start-ups, Teile der Industrie – gehören regelmäßige Überstunden und ständige Erreichbarkeit fast schon ungeschrieben zur Stellenbeschreibung. Offiziell ist alles im Rahmen, inoffiziell kleben viele deutlich über 45 Stunden pro Woche im Job.

Medienberichte zeigen, dass auch hierzulande einzelne Stimmen einen härteren Kurs fordern, teilweise mit Verweisen auf Produktivitätsprobleme und internationale Konkurrenzfähigkeit.[8] Gleichzeitig lehnen Gewerkschaften und viele Fachleute ein 996-Modell für Deutschland klar ab – aus rechtlichen, kulturellen und gesundheitlichen Gründen.[8]

Was lange Arbeitszeiten mit deiner Gesundheit machen

Spannend wird es, wenn man die Debatte aus der Bauchgefühl-Ecke holt und sich anschaut, was Forschung dazu sagt. Die Weltgesundheitsorganisation und die Internationale Arbeitsorganisation haben sich die Frage gestellt, was lange Arbeitszeiten konkret anrichten. Ergebnis: Ab etwa 55 Stunden pro Woche steigt das Risiko für Schlaganfall und Herzkrankheiten deutlich.[5]

In ihrer gemeinsamen Analyse kommen WHO und ILO zu dem Schluss, dass langes Arbeiten (55 Stunden oder mehr) mit einem um rund 35 % erhöhten Schlaganfallrisiko und etwa 17 % höherem Risiko für tödliche Herzkrankheiten verbunden ist – verglichen mit einer Spanne von 35 bis 40 Stunden.[5] Für 2016 schätzen sie weltweit über 745.000 Todesfälle, die auf solche Arbeitszeiten zurückgehen.[9]

In Ostasien gibt es dafür inzwischen Begriffe wie „Karoshi“ in Japan oder „Guolaosi“ in China – grob übersetzt: Tod durch Überarbeitung.[10] Hinter diesen Schlagworten stecken reale Fälle von Menschen, die nach extremen Arbeitsphasen an Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Erschöpfungszuständen gestorben sind.

Es geht aber nicht nur um dramatische Endpunkte. Lange Arbeitszeiten korrelieren mit Schlafstörungen, erhöhter Depressionsrate, Angstzuständen und mehr Alkohol- oder Medikamentenkonsum.[11] Und selbst wenn du medizinisch gerade noch im „geht so“-Bereich bist, verschieben Dauerüberstunden den Alltag: weniger Bewegung, Quick-and-dirty-Ernährung, kaum soziale Kontakte außerhalb der Firma.

Wann Überstunden zum Warnsignal werden

Ein einzelnes Projekt, in dem du zwei Wochen Gas gibst, ist etwas anderes als ein Dauerzustand. Kritisch wird es, wenn sich die lange Woche normal anfühlt, Wochenenden verplant sind und du im Urlaub tageweise „kurz online“ bist. Ab dem Moment, in dem der Kalender keine echten Erholungsfenster mehr kennt, bist du faktisch in einer inneren 996-Woche angekommen – selbst wenn auf dem Papier „nur“ 45 Stunden stehen.

996-Woche, USA, Deutschland – ein kurzer Vergleich

Damit das nicht zu abstrakt bleibt, hilft ein nüchterner Blick auf typische Arbeitszeit-Realitäten in drei Räumen: der ursprünglichen 996-Welt, den neuen US-Spielarten und dem deutschen Rahmen.

Kontext Übliche Arbeitsstunden / Kultur Rechtliche Lage
China (996-Woche) In Teilen der Tech-Branche Arbeitswochen von etwa 72 Stunden, offiziell umstritten und zunehmend kritisiert.[1] 996-Modell wurde 2021 vom Obersten Volksgerichtshof als rechtswidrig eingestuft, bleibt aber in Grauzonen praktiziert.[1]
USA (Tech / KI-Start-ups) In manchen Firmen Rückkehr zu sehr langen Wochen, teils orientiert an 996, mit starkem Leistungs- und Konkurrenzdruck.[6][7] Arbeitsrecht je nach Bundesstaat; lange Wochen sind eher Gegenstand von Verhandlung, Unternehmenskultur und Verhandlungsmacht der Beschäftigten.
Deutschland Durchschnittliche Wochenarbeitszeit deutlich niedriger, formelle Vollzeit meist um 40 Stunden, plus teils regelmäßige Überstunden.[2][3] Arbeitszeitgesetz begrenzt Stunden, Überstunden und Ruhezeiten relativ streng; 996 wäre regulär nicht zulässig.[4]

Der Punkt ist: Selbst wenn du in Deutschland formal weit weg von einer 996-Woche bist, kann sich der Alltag sehr ähnlich anfühlen, wenn Deadlines eng, Erwartungen hoch und Grenzen unklar sind.

Die leise 996-Woche: Wenn du ständig „nur noch schnell“ machst

Was die Debatte tricky macht: Du musst gar nicht 72 Stunden im Büro sitzen, um die Effekte zu spüren. Viele erleben eine verdeckte Variante: 40 Stunden im Vertrag, plus Meetings außerhalb der Kernzeit, plus Mails am Abend, plus Grübelstunden im Bett.

Ich habe selbst eine Phase gehabt, in der jedes neue Projekt „nur kurz zusätzlich“ laufen sollte. Auf der Uhr stand vielleicht 45 Stunden, aber mental war ich sieben Tage pro Woche ansprechbar. Offiziell alles im Rahmen, praktisch kein echter Feierabend. Die Quittung kam nicht als großer Knall, sondern als dauerhafte Müdigkeit, leichte Gereiztheit und diese innere Distanz zu allem, was nicht mit Arbeit zu tun hatte.

Genau hier treffen sich 996-Woche, US-Hustle-Kultur und deutsche Dauer-Erreichbarkeit. In allen Fällen verschiebt sich der Mittelpunkt vom Leben zum Job. Freizeit wird Lückenfüller, Familie „irgendwie mitorganisiert“, Gesundheit etwas, das sich hoffentlich schon hält.

Was du konkret tun kannst, wenn deine Arbeitswelt in Richtung 996 driftet

Der Teil, den du verändern kannst, liegt selten im großen System, sondern im direkten Umfeld: Team, Führungskraft, eigene Routinen. Der Weg da raus ist nicht immer angenehm, aber er beginnt erfahrungsgemäß mit ein paar klaren Entscheidungen.

  1. Wenn du über mehrere Wochen regelmäßig über 50 Stunden kommst, zieh bewusst eine Grenze bei zwei strikt freien Abenden in der Woche und halte die auch dann, wenn das kurzfristig unpopulär ist.
  2. Sprich mit deiner Führungskraft nicht über „Stress“, sondern über konkrete Aufgaben, Prioritäten und Weglassen – je klarer du benennst, was in 40 bis 45 Stunden realistisch ist, desto greifbarer wird das Problem.
  3. Falls ihr einen Betriebsrat oder eine Interessenvertretung habt, hol dir dort früh Unterstützung, bevor du allein im stillen Kämmerlein eskalierst.
  4. Beobachte deine Gesundheit nicht nur grob, sondern mit ein paar festen Markern: Schlaf, Erschöpfung, Konzentration. Wenn du dauerhaft auf Sparflamme läufst, ist das ein medizinisches Thema und kein persönliches Versagen.
  5. Und wenn du in einer Firma arbeitest, in der 996-Woche offen gefeiert wird, kann die ehrlichste Lösung am Ende ein Wechsel sein – selbst der beste Job ist nichts wert, wenn du ihn gesundheitlich nicht durchhältst.

Niemand kann dir abnehmen zu entscheiden, ob du für eine bestimmte Zeit bewusst in eine sehr intensive Phase gehst – etwa beim Aufbau eines eigenen Projekts. Entscheidend ist, ob das eine begrenzte Etappe bleibt oder zur stillschweigenden Norm wird.

Quellen

  1. 996 working hour system (Wikipedia, abgerufen am 28.11.2025)
  2. People in the EU worked on average 36 hours per week (Eurostat, 14.05.2025, abgerufen am 28.11.2025)
  3. Working time reporting for Germany (BAuA, abgerufen am 28.11.2025)
  4. Arbeitszeitgesetz (ArbZG) (Bundesministerium der Justiz, abgerufen am 28.11.2025)
  5. Long working hours increasing deaths from heart disease and stroke (WHO/ILO, 17.05.2021, abgerufen am 28.11.2025)
  6. WHO/ILO joint estimates of cardiovascular disease burden from long working hours (ICOH, abgerufen am 28.11.2025)
  7. Karoshi (Wikipedia, abgerufen am 28.11.2025)
  8. Job burnout and “996 working hour system” (Masterarbeit, Università Ca’ Foscari, 2023, abgerufen am 28.11.2025)
  9. A controversial working system in China: the 996 working hour system (Konferenzpaper, 2021, abgerufen am 28.11.2025)
  10. Overwork is so back (Axios, 26.10.2025, abgerufen am 28.11.2025)
  11. Why Silicon Valley tech workers are embracing “996” (Washington Post, 21.10.2025, abgerufen am 28.11.2025)

FAQs zur 996-Woche und langen Arbeitszeiten

Gibt es die 996-Woche in Deutschland wirklich?

Die klassische 996-Woche mit 72 Stunden ist in Deutschland rechtlich kaum abbildbar, weil das Arbeitszeitgesetz Obergrenzen setzt.[4] Was es aber sehr wohl gibt, sind Phasen, in denen Beschäftigte faktisch deutlich über 40 Stunden landen – etwa in Beratungen, Agenturen oder Start-ups. Offiziell ist vieles sauber geregelt, inoffiziell werden Überstunden oft stillschweigend erwartet.

Ab wann werden lange Arbeitszeiten gesundheitlich kritisch?

Es gibt keine harte Linie für jede Person, aber Forschung und WHO/ILO legen nahe, dass es ab etwa 55 Stunden pro Woche ernst wird.[5][9] In dieser Zone steigen Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen messbar an. Gleichzeitig verschlechtert sich bei vielen schon deutlich früher die Lebensqualität: Wenn Schlaf, Erholung und soziale Kontakte dauerhaft zu kurz kommen, ist das ein klares Warnsignal.

Was kann ich tun, wenn mein Team 996-ähnliche Wochen feiert?

Wenn Überstunden zur inoffiziellen Währung werden, ist es schwer, allein dagegenzuhalten. Ein Ansatz ist, die Diskussion auf sachliche Ebene zu holen: Was schafft ihr mit 40 bis 45 Stunden, wo kippt die Qualität, welche Fehler entstehen aus Müdigkeit? Wenn du merkst, dass dein Umfeld langfristig andere Prioritäten hat als deine Gesundheit, ist ein Wechsel auf Dauer oft realistischer als der Versuch, das System allein zu drehen.

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