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Können Kängurus boxen?

von Robert Hendrichs
7 min Lesedauer
Känguru mit Boxhandschuhen

Seitdem ein gewisses kommunistisches Beuteltier bei Marc-Uwe Kling eingezogen ist, wissen wir: Die wahre Kampfkunst dieser Spezies liegt im schlagfertigen Dialog. Doch abseits von Schnapspralinen und Hegel-Zitaten bleibt die Frage, die uns seit alten Cartoons beschäftigt: Können Kängurus boxen, wenn es mal nicht um die letzte Packung Kekse geht?

Wenn Fäuste fliegen, die gar keine sind

Ich geb’s zu, auch in meinem Kopf war dieses Bild lange verankert: Zwei Kängurus stehen sich gegenüber, die Fäuste – oder was man dafür hält – erhoben, und dann wird losgelegt wie bei Rocky Balboa im australischen Outback. Die Realität ist allerdings ein wenig anders und, ehrlich gesagt, viel ausgeklügelter. Das, was wir als Boxen wahrnehmen, ist Teil eines komplexen Sozialverhaltens. Männliche Kängurus klären so ihre Rangordnung. Es geht weniger darum, dem anderen einen Kinnhaken zu verpassen, als vielmehr darum, ihn aus der Balance zu bringen und zu dominieren.

Dabei schlagen sie selten mit voller Wucht zu. Die Bewegungen der Vorderpfoten sind eher ein Schieben, ein Greifen und Halten, um den Gegner zu kontrollieren. Das Ziel ist das Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen, nicht es k.o. zu schlagen.[2] Man könnte es eher als eine Art Ringen im Stehen bezeichnen, bei dem die „Arme“ zum Festhalten und die Brust zum Wegdrücken genutzt werden. Das Ganze ist ein ritualisierter Kräftemessen, das meist ohne schwere Verletzungen endet. Zumindest, solange nur die Vorderbeine im Spiel sind.

Auf einen Blick: Inhalt & TL;DR

Die Anatomie eines Kämpfers: Ein Missverständnis mit vier Beinen

Um die Kampftechnik der Kängurus zu begreifen, muss man sich ihre körperlichen Voraussetzungen anschauen. Und hier stolpert man direkt über die erste Überraschung: Biologisch gesehen haben Kängurus keine Arme. Sie gehören zur Gruppe der „Tetrapoda“, was aus dem Griechischen kommt und „Vierfüßer“ bedeutet.[1] Ihre vorderen Gliedmaßen sind also evolutionär betrachtet Beine, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit stark verändert haben und viel kürzer sind als die kräftigen Hinterläufe.

Diese vorderen „Beine“ nutzen sie extrem geschickt. Sie stützen sich beim langsamen Gehen darauf ab, greifen nach Zweigen und Blättern zum Fressen oder pflegen damit ihr Fell. An den Pfoten haben sie fünf scharfe Krallen, die sich hervorragend zum Greifen eignen. Eben diese Greiffunktion ist im Kampf entscheidend: Ein Känguru packt seinen Gegner, um ihn festzuhalten und für die eigentliche Attacke vorzubereiten. Und diese kommt nicht von vorne, sondern von unten.

Die wahre Gefahr steckt in den Hinterbeinen

Wer schon einmal ein großes rotes Riesenkänguru gesehen hat, dem sind vermutlich die gewaltigen Muskelpakete an den Hinterbeinen aufgefallen. Diese sind nicht nur für die berühmten Sprünge zuständig, mit denen sie Geschwindigkeiten von über 80 km/h erreichen können, sondern sie sind auch ihre gefährlichste Waffe.[2] Wenn ein Kampf eskaliert, stützt sich das Känguru auf seinen massiven Schwanz, lehnt sich zurück und tritt mit beiden Hinterbeinen gleichzeitig nach vorne. Das ist ein Manöver, das man so in der Tierwelt selten sieht.

Die Kraft, die dabei freigesetzt wird, ist enorm. Die langen, scharfen Krallen an den großen Zehen der Hinterfüße können tiefe Wunden reißen. Diese Tritte sind die eigentliche Verteidigungswaffe und werden eingesetzt, wenn es ernst wird – sei es gegen einen Rivalen oder einen Fressfeind wie einen Dingo. Das „Boxen“ mit den Vorderpfoten ist also oft nur das Vorspiel zu diesem weit gefährlicheren Angriff.

Der Schwanz: Mehr als nur ein Gleichgewichtsorgan

Der Schwanz eines Kängurus ist ein echtes Multifunktionswerkzeug. Er ist lang, extrem muskulös und dient beim Springen als Balancierstange. Bei langsamer Fortbewegung wird er sogar als fünftes Bein eingesetzt: Das Tier stützt sich auf Vorderpfoten und Schwanz und schwingt die Hinterbeine nach vorne.[2]

Im Kampf bekommt der Schwanz eine noch wichtigere Rolle. Er wird zum Anker. Wenn ein Känguru zum Tritt ansetzt, bildet der Schwanz zusammen mit dem Boden ein stabiles Stativ. Das erlaubt es ihm, seinen gesamten Körper nach hinten zu werfen und die volle Wucht seiner Beine zu entfesseln, ohne selbst umzufallen. Forschende haben herausgefunden, dass der Schwanz dabei so viel Kraft ausübt wie alle anderen Beine zusammen.[1] Er ist also die Grundlage für die schlagkräftigste Technik des Tieres.

Ein typischer Känguru-Kampf: Eine Analyse in vier Phasen

So ein Duell unter Känguru-Männchen läuft meist nach einem festen Muster ab. Es ist weniger ein unkontrolliertes Handgemenge als eine Abfolge von Signalen und Aktionen, bei denen beide Kontrahenten genau wissen, was als Nächstes kommt.

Phase 1: Das Imponieren

Alles beginnt mit Drohgebärden. Die Männchen stellen sich aufrecht hin, plustern die Brust auf und reiben sie mit dem Sekret aus einer Duftdrüse ein. Sie starren sich an, werfen den Kopf in den Nacken und geben knurrende oder zischende Laute von sich. Manchmal kratzen sie auch demonstrativ am Boden. Hier wird bereits versucht, den Gegner einzuschüchtern und den Kampf vielleicht ganz zu vermeiden. Oft reicht diese Machtdemonstration schon aus, um einen der beiden zum Rückzug zu bewegen.

Phase 2: Das „Boxen“ und Ringen

Gibt keiner nach, gehen sie aufeinander zu. Jetzt beginnt das, was wir als Boxen kennen. Sie umklammern sich mit den Vorderbeinen, versuchen sich gegenseitig wegzuschieben und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es ist ein Test der Standfestigkeit und der Kraft im Oberkörper. Echte Schläge sind selten, es ist mehr ein Schieben und Zerren. Manchmal beißen sie auch in den Nacken des Gegners, um ihn zu fixieren.

Phase 3: Die Eskalation mit den Füßen

Führt auch das Ringen zu keiner Entscheidung, greift einer der Kontrahenten zur ultimativen Waffe. Er stützt sich auf seinen Schwanz und tritt mit voller Wucht zu. Der Gegner versucht, dem Tritt auszuweichen oder ihn mit den Vorderbeinen abzublocken. Gelingt das nicht, kann ein solcher Tritt in die Bauchregion den Kampf schnell beenden. Diese Phase ist kurz, aber heftig und birgt das größte Verletzungsrisiko.

Phase 4: Die Entscheidung

Egal ob durch einen erfolgreichen Tritt oder durch schiere Erschöpfung – irgendwann gibt einer der Kämpfer auf. Der Unterlegene signalisiert seine Niederlage, indem er den Blick abwendet und sich langsam entfernt. Der Sieger verfolgt ihn meist nicht, sondern bleibt an Ort und Stelle und festigt so seinen sozialen Status in der Gruppe. Die Sache ist damit geklärt – bis zum nächsten Mal.

Umgang mit Kängurus in der Wildnis

Auch wenn Kängurus meist scheu sind, sollte man in ihrer Nähe immer vorsichtig sein. Ein wildes Tier, das sich in die Enge getrieben fühlt, kann unberechenbar reagieren. Besonders Männchen während der Paarungszeit oder Muttertiere mit Jungen im Beutel können aggressiv werden. Am besten hält man immer einen sicheren Abstand und versucht nie, die Tiere zu füttern oder zu streicheln. Ein Känguru, das sich aufrichtet und dich anstarrt, sendet ein klares Warnsignal. In so einem Fall langsam und ohne hektische Bewegungen zurückziehen.

Kängurus und der Mensch: Eine komplizierte Beziehung

Die Frage, ob Kängurus boxen, führt unweigerlich zu der Sorge: Boxen sie auch Menschen? Die kurze Antwort ist: äußerst selten. Kängurus sind von Natur aus Fluchttiere. Ihre erste Reaktion auf eine Bedrohung ist, davonzuhüpfen. Ein Angriff auf einen Menschen ist eine absolute Ausnahme und geschieht fast immer nur, wenn sich das Tier massiv bedroht oder in die Enge getrieben fühlt und keinen Fluchtweg sieht.[1]

Ein häufiger Auslöser für Konflikte sind freilaufende Hunde. Kängurus sehen Hunde als potenzielle Fressfeinde an, ähnlich wie Dingos. Ein Hund, der ein Känguru jagt, kann eine heftige Verteidigungsreaktion auslösen. Manchmal flüchten Kängurus dabei sogar ins Wasser und versuchen, den Verfolger unterzutauchen. Aus diesem Grund sollte man als Hundebesitzer in Gebieten mit Kängurus besonders achtsam sein. Mein eigener Hund würde wahrscheinlich aus reiner Neugier hinlaufen, aber das könnte ein Känguru schon als Bedrohung interpretieren. Prävention ist hier der beste Schutz für beide Seiten.

Das kulturelle Bild vom boxenden Känguru, das oft mit roten Handschuhen in Cartoons auftaucht, hat das wahre Verhalten der Tiere etwas verzerrt. Es hat sie vermenschlicht und ihre Kampftechniken auf eine sportliche Disziplin reduziert. Doch ihr Verhalten ist pure Überlebensstrategie, perfektioniert über Millionen von Jahren.

Hier sind ein paar gängige Annahmen über ihr Verhalten, die einer genaueren Betrachtung bedürfen:

  • Annahme: Kängurus sind von Natur aus aggressiv und kampflustig. In Wirklichkeit sind sie eher friedliche Pflanzenfresser, die Konflikten aus dem Weg gehen. Die Kämpfe der Männchen sind ritualisierte Auseinandersetzungen um die Rangordnung, keine generelle Angriffslust.
  • Annahme: Ein boxendes Känguru will spielen. Niemals. Die Körperhaltung, die wir als „Boxen“ deuten, ist Teil eines ernsten Rituals. Es ist eine Warnung oder der Beginn eines Kampfes, aber definitiv kein Spiel.
  • Annahme: Kleine Känguru-Arten wie Wallabys sind harmlos. Auch kleinere Arten können sich mit Tritten und Bissen verteidigen, wenn sie sich bedroht fühlen. Man sollte allen Wildtieren mit dem gleichen Respekt und Abstand begegnen.
  • Annahme: Kängurus greifen ohne Vorwarnung an. Ein Angriff hat fast immer eine Vorgeschichte. Das Tier wird vorher deutliche Signale senden: Es stellt sich auf, knurrt, starrt. Wer diese Zeichen ignoriert, riskiert eine Eskalation.

Mehr Ringer als Boxer: Ein neues Bild vom Känguru

Wenn ich heute an Kängurus denke, sehe ich nicht mehr nur das lustige, hüpfende Tier oder den Cartoon-Boxer. Ich sehe einen hochspezialisierten Überlebenskünstler, dessen körperliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen perfekt an seine Umgebung angepasst sind. Die Frage „Können Kängurus boxen?“ lässt sich also mit einem klaren „Jein“ beantworten. Sie boxen nicht im menschlichen Sinn, um Schläge auszuteilen. Sie nutzen ihre Vorderbeine eher zum Greifen, Schieben und zur Vorbereitung auf ihren eigentlichen Angriff.

Ihr Kampfstil ist eine einzigartige Mischung aus Ringen, Balanceakten und einer Tritttechnik, die in der Tierwelt ihresgleichen sucht. Sie sind Athleten, deren wahre Stärke in den Beinen und im Schwanz liegt, nicht in den Fäusten. Das Bild des boxenden Kängurus ist also mehr ein kultureller Mythos als eine biologische Tatsache – ein unterhaltsamer, aber letztlich unvollständiger Blick auf eines der beeindruckendsten Tiere Australiens.

Quellen

  1. Nur eins hüpft nicht! 6 spannende Fakten über Kängurus (abgerufen am 22.08.2025)
  2. Kängurus Steckbrief (abgerufen am 22.08.2025)

FAQs zum Thema Können Kängurus boxen

Kämpfen weibliche Kängurus auch auf diese Weise?

Weibliche Kängurus kämpfen nur sehr selten und nicht auf die gleiche ritualisierte Weise wie die Männchen. Wenn sie es tun, geht es meist darum, ihre Jungen (Joeys) zu verteidigen oder einen direkten Konkurrenten von einer Futter- oder Wasserquelle zu vertreiben. Ihre Auseinandersetzungen sind in der Regel kürzer und weniger intensiv. Anstatt zu ringen, nutzen sie ihre Vorderpfoten eher für schnelle Hiebe oder zum Wegstoßen.

Worum genau kämpfen Kängurus, wenn es um die Rangordnung geht?

Hauptsächlich kämpfen männliche Kängurus um den Zugang zu paarungsbereiten Weibchen. Ein höherer Rang in der sozialen Hierarchie verschafft einem Männchen das Vorrecht, sich mit den Weibchen in der Gruppe (dem sogenannten „Mob“) zu paaren und so seine Gene weiterzugeben. In selteneren Fällen, besonders in trockenen Zeiten, kann es bei den Kämpfen auch um den Zugang zu knappen Ressourcen wie Wasser oder den besten Futterplätzen gehen.

Wie lernen junge Kängurus das Kämpfen?

Junge Kängurus, vor allem die männlichen, lernen das Kämpfen spielerisch. Schon früh beginnen sie mit Übungskämpfen, bei denen sie andere Jungtiere oder manchmal sogar ihre Mütter spielerisch anstupsen, umklammern und versuchen, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Durch dieses „Sparring“ trainieren sie die Bewegungsabläufe, die Koordination und die Kraft, die sie später für die ernsten Kämpfe als erwachsene Tiere benötigen.

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